Der seltene Gast im Mittelland
Mir war schon immer bewusst, dass in der Fotografie zuerst die Idee entsteht und anschliessend der Weg gefunden werden muss, die Idee umzusetzen. Dabei spielen Geduld, Entschlossenheit und manchmal auch eine Portion Glück die entscheidende Rolle.
Einen Wiedehopf sah ich zum ersten Mal in Italien, wo ich ihn auch fotografieren konnte. Dieses Unterfangen war jedoch alles andere als einfach und das Ergebnis entsprach nicht meinen Erwartungen. Schon früher hatte ich in der Zentralschweiz Informationstafeln gesehen, auf denen stand, dass der Wiedehopf auch hier vorkommt. Ehrlich gesagt habe ich das immer etwas belächelt und kaum geglaubt.
Als ich diesen aussergewöhnlichen und seltenen Gast eines Tages auf dem Heimweg tatsächlich in der Zentralschweiz entdeckte, blieb mir beinahe der Atem stehen. Seine Farben und sein unverwechselbarer Ruf liessen keinen Zweifel – das war meine Chance. Allerdings hatte ich keine Kamera dabei. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vogel, der jederzeit davonfliegen kann, an derselben Stelle in einer Agglomeration noch anzutreffen ist, schien verschwindend klein. Trotzdem hörte ich auf mein Bauchgefühl und unterdrückte den Drang nicht, diesen besonderen Moment festzuhalten. Rund 40 Minuten später kehrte ich mit meiner 400-mm-Kamera zurück und der Wiedehopf war tatsächlich noch immer dort. Ganz ruhig suchte er nach Nahrung. Dank der Vegetation und der Geländestruktur konnte ich mich vorsichtig bis auf wenige Meter heranpirschen. Erst als ein Bauer mit seinem Traktor den Feldweg entlangfuhr, war die Begegnung beendet und ich musste mich zurückziehen.
Für mich war dieses Erlebnis eine wertvolle Lektion: Man sollte den Wunsch, ein Bild aufzunehmen, nicht unterdrücken. Es gibt immer eine, wenn auch noch so kleine Wahrscheinlichkeit, dass ein Traumfoto Wirklichkeit wird.
Denn letztlich ist es die Gelegenheit, die ein Bild entstehen lässt.